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Von Walser und Weimar, Goethe und Geschichte, Huris und Hafis - und was das alles mit Integration und Kultursommer zu tun hat.


Zugwechsel auf dem Weg in den Süden im Hauptbahnhof Köln. Ich sitze im ICE und fahre zurück über den Rhein, Deutzer Brücke bei Nacht, Richtung Karlsruhe. Müde blättere ich durch den SPIEGEL, Feuilleton, ein Artikel von Walser, Martin Walser, der mit der unglücklichen Rede in der Pauls-Kirche? Ein Essay zur Flüchtlingskrise, "Die Sprache entscheidet alles", Untertitel: "Schaffen wir das? Ja."

Der Zug beschleunigt, der Essay schleppt sich dahin. Draußen rauscht das Siebengebirge vorbei - mich fesselt mehr das Bild aus Serbien, das vom Walser-Text umflossen wird. Aus einer Drohnen-Perspektive wurden zwei Flüchtlinge fotografiert, ein Mann mit dunklen Haaren, eine Frau, die am Kopftuch zu erkennen ist. Die Gesichter sind winzig. Sie gehen Hand in Hand einen Pfad entlang, der nicht nur von Gras, sondern auch von buntem Plastikmüll gesäumt ist. Balkanroute, Herbst 2015.

Beide blicken nach oben in die Drohnen-Kamera, das Pärchen wirkt wie auf einem Spaziergang oder einer Wandertour, der Mann hat einen schwarzen Rucksack auf dem Rücken. Vielleicht lächeln sie gerade, weil sie an diesem Tag ein gutes Stück voran gekommen sind, raus aus Krieg und Zerstörung, hin zu ihrer gemeinsamen Hoffnung auf eine friedliche und lebenswerte Zukunft. Doch die Gesichter sind zu klein auf dem Bild, um das genau zu erkennen. In meine Kladde schreibe ich: "In einen Zug steigen, durch das nächtliche Europa reisen und fürchten, am nächsten Morgen auf dem Bahnsteig eines mir fremden Kontinents auszusteigen."

Walser schreibt neben dem Bild des (syrischen?) Paares auf ihrem Fluchtweg durch Europa über uns Deutsche:

"Wir leben jetzt ohne eine Vision, ohne eine Utopie. Wir sind durch unsere Vergangenheit von allen weitreichenden Ideen gewarnt. Das wäre jetzt also zu schaffen: zu leben ohne Zukunftsvision."

Diesem Leben stellt Walser Herausforderungen gegenüber, "Augenblicke, in denen unsere ganze Existenz" herausgefordert sei:

"Der Strom der Flüchtlinge ist eine solche Herausforderung."

Dann gerät der deutsche Groß-Schriftsteller in Fahrt und kämpft mit seinem Sprachtalent für die ganz großen Dinge: Aufklärung, Toleranz, Humanität, Demokratie, Europa. Er geißelt die kleinmütigen Angsthasen, die schon die Deutsche Einheit aufgegeben hatten und von der Geschichte der Lächerlichkeit preisgegeben wurden. Er fordert, dass wir mehr versprechen müssten, als wir im Augenblick im Stande sind auszurechnen. Ich lese diese Sätze und erinnere mich an den Auftritt von Claus von Wagner vom Dienstag dieser Woche:

"Um was geht es wirklich zu Zeiten von Elend und des Krieges, es geht um eine Untergrenze:  Wie viele Menschen sind wir verpflichtet aufzunehmen, um unserer humanitären Verpflichtung Genüge zu tun."

Und ich wünsche mir über den Hügeln des Westerwaldes, dass endlich einmal die PolitikerInnen und nicht nur KabarettistInnen und SchriftstellerInnen die historische Herausforderung, der wir uns stellen müssen, als eben solche auch benennen.

Der Zug fährt den Bahnhof Frankfurt Flughafen an, ich notiere "eine Gegenwart, nicht wert, dass aus ihr eine Zukunft werde" in die Kladde, und Walsers Text kommt auf die Deutschen Werte zu sprechen. Der Zufall will es, dass ich ausgerechnet in diesem Moment Walsers Empfehlung lese, zum Thema 'Werte' einmal Goethes 'West-östlichen Divan" zur Hand zu nehmen. Natürlich liegt das Buch neben meinem Schreibtisch, seit über 30 Jahren. Ich habe es mehrmals gelesen, blättere ab und zu darin in den Wartezeiten, die so ein Linux-Rechner schon mal verursacht,  und schaue nun im Gutenberg-Projekt auf die Online-Version.

Goethe hatte sich mit dem persischen Dichter Hafis und dem Koran beschäftigt, viele Jahre lang. Zwischen 1814 und 1827 sind dabei unter anderen folgende Zeilen entstanden:

"Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände!

Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sei von seinen hundert Namen
Dieser hochgelobet! Amen.

...

Daß Araber an ihrem Teil
Die Weite froh durchziehen,
Hat Allah zu gemeinem Heil
Der Gnaden vier verliehen.

Den Turban erst, der besser schmückt
Als alle Kaiserkronen;
Ein Zelt, daß man vom Orte rückt,
Um überall zu wohnen;

Ein Schwert, das tüchtiger beschützt
Als Fels und hohe Mauern;
Ein Liedchen, das gefällt und nützt,
Worauf die Mädchen lauern."

Ich surfe weiter durchs Internet und finde einen Text aus dem Jahr 2000, ein Nachwort zu dem Buch 'Goethe und der Islam, darin folgender Absatz:

"Man möchte sich wünschen, daß bei den vielen Debatten über die Integration von Ausländern in Deutschland, Debatten, bei denen im Hintergrund immer heimlich die Frage mitschwingt, ob die Türken als Muslime wirklich je Deutsche werden können, einmal ein türkischer Deutscher aufstehen und den deutschen Spießbürgern mit ihrer Deutschtümelei entgegenhalten würde: Ihr kennt eure eigenen Klassiker nicht! Der größte deutsche Dichter hat sich mehrmals zum Islam bekannt!"

Geschrieben wurde dieser Text von Peter-Anton von Arnim am 3. Oktober 2000, am Tag der Deutschen Einheit vor gut 15 Jahren. Und heute wagt es ein Sächsischer Ministerpräsident zu behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. In Dresden und Erfurt verteidigen ein Haufen Irre irgendein Abendland gegen eine Bedrohung. Diese MitbürgerInnen entlarven sich dabei als widerwärtige Angsthasen und Rassisten, die statt Wertediskussionen nur Neiddebatten führen können. In Thüringen hatte sich ein Terror-Trio versteckt, dass über 10 Morde verübte, ehe es per Zufall aufflog. Die Nazi-Terroristen hatten ihre Opfer gezielt aufgrund ihres fremdländischen Aussehens ausgewählt.

Ich surfe weiter und stoße auf eine WebSite aus Thüringen, der Stadt Weimar, dem Ort, wo Goethe und Schiller gemeinsam als Schriftsteller wirkten, in Thüringen, dem Land von Bach und Luther. Dort schreibt der Organisator des Festivals 'West-östlicher Diwan' Weimar, Klaus Gallas:

"Das ehrgeizige Ziel des jährlichen Festivals West Östlicher Diwan Weimar heißt: gegenseitige Berührungsängste, Vorurteile, Ignoranz und Missverständnisse, die auf beiden Seiten bestehen, aufzudecken und transparent zu machen, um damit Annäherung und Verstehen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturkreise zu fördern.
Das Festival soll helfen, die »Schwellenangst« der Menschen in Deutschland vor der islamischen Welt abzubauen.
"

Die Schwellenangst der Menschen in Deutschland vor der islamischen Welt abbauen! Ich lese es und denke mir: Es gibt es tatsächlich, dies helle Deutschland, das Bundespräsident Gauck beschworen hat, und das sich dem braunen Mob entgegenstellt, das uns alle inspirieren kann, mit Toleranz und Humanität Haltung zu zeigen angesichts des irren Wahns aus Hass und Nationalismus. Und dass dieser Anspruch nicht nur in Weimar zur Begegnung aufrufen sollte, sondern auch bei uns in Drensteinfurt.

Ich denke da an die nächste Gelegenheit am Sonntag, wenn man gemeinsam mit den Flüchtlingen einen Kinofilm anschaut. Und wäre es nicht an der Zeit, über einen 'Kultursommer der Integration' nachzudenken? Um der 'Schwellenangst' entgegen zu wirken? Vielleicht kann man ja ab Sonntag versuchen, sich auch über solche Dinge gemeinsam Gedanken zu machen.

Schlussbemerkung:

Inzwischen liegt Frankfurt (ja, Goethes Geburtsstadt!) hinter mir. Ich denke daran, welche Verse im 'West-östlichen Divan' mir über die Jahre am besten in Erinnerung geblieben sind, und finde:

"Will in Bädern und in Schenken,
Heilger Hafis, dein gedenken,
Wenn den Schleier Liebchen lüftet,
Schüttelnd Ambralocken düftet.
Ja, des Dichters Liebesflüstern
Mache selbst die Huris lüstern.

Wolltet ihr ihm dies beneiden
Oder etwa gar verleiden,
Wisset nur, daß Dichterworte
Um des Paradieses Pforte
Immer leise klopfend schweben,
Sich erbittend ewges Leben."

Und wer nun nicht weiß, wer oder was 'Huris' sind, sollte jetzt nicht googeln, sondern einfach mal unsere NeubürgerInnen fragen. Der Begriff gehört ja schließlich zur Deutschen Kultur wie 'Lorelei' und 'Walküre' ;-)