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Offener Brief - von der verlorenen Würde im ÖPNV PDF 

Der Winter steht an der Tür - und so überraschend wie Schnee- und Blätterfall kommt es Zugausfällen im ÖPNV. Es ist also mal wieder an der Zeit, sich bei den Verantwortlichen in Düsseldorf zu Wort zu melden.


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Laschet,
Sehr geehrter Herr Minister Wüst,
Sehr geehrter Herr Rehbaum,

ich wende mich an Sie vor dem Hintergrund der würdelosen Zustände, mit denen man als Nutzer des Bahnverkehrs im Münsterland tagtäglich konfrontiert wird. Und ich wende mich an Sie, obwohl ich weiß, dass dieser offene Brief - wie viele tausende zuvor - wieder nichts ändern wird. Meine Motivation für diesen Brief ist daher, mir ein Stück meiner Würde zurück zu holen, jener Würde, die mir jedes mal genommen wird, wenn ich mich wie ein Stück Vieh in einen übervollen Nahverkehrszug quetschen lasse .

Im Anhang finden Sie drei Bilder - allein aus dieser Woche. Die Zustände, die Sie dort erblicken, haben Sie als zuständige Regierung bzw. als Mitglied des Landtags für eine Regierungspartei direkt zu verantworten. Denn Sie weigern sich, an dieser Situation auch nur ein Jota zu verbessern. Noch schlimmer: Wie die Debatte um das Sozialticket in den letzten Wochen gezeigt hat, ist es auch gar nicht Ziel Ihrer Politik, einen funktionierenden ÖPNV für die Bürgerinnen und Bürger bereit zu stellen.

Die Menschen, die sich Tag für Tag in die Züge quälen, stellen für Sie offensichtlich nur noch Kollateralschäden einer auf Individualverkehr fixierten Politik dar. Einer Politik, die sich der Zukunft und der Lösung von Problem wieder und wieder verweigert und somit die Lebensumstände der Bevölkerung tagtäglich verschlechtert. Einer Politik, die die Würde der Menschen mit Füßen tritt, weil Sie für die Alltagssorgen längst nur noch Floskeln und Schulterzucken übrig hat. Ich selber habe noch zwei gesunde Beine, aber können Sie sich überhaupt vorstellen, wie würdelos der Alltag für Menschen im Rollstuhl ist? Die in solchen Massen eingequetscht sind? Für Kinder, die sich nicht einmal mehr an Sitzen festhalten können, weil die Hände nicht so weit reichen?

Würde - welch ein großes Wort, das sich ja auch mit gutem Grund im ersten Paragraphen des Grundgesetzes findet. Aber diese Würde beginnt und endet nicht zuletzt auch in den kleinen Dingen des Alltags, wo sich die Bürgerinnen und Bürger von den verantwortlichen Politikerinnen und Politiker ernst genommen sehen wollen. Doch hier versagen Sie ebenso wie eine Reihe von Verkehrspolitikerinnen und -politiker vor Ihnen.

Dieses Versagen - Ihr Versagen - könnte ich genau so herunter schlucken wie zahlreiche andere Menschen. Ich könnte wieder ein Teil meiner Würde abgeben in der Tierstallenge von Eurobahn oder National Express. Ich könnte wieder still vor mich hinfluchen auf 'die da oben' und vielleicht am Ende politikverdrossen resignieren, weil doch niemand etwas ändert an diesen würdelosen Zuständen.

Doch das tue ich nun nicht. Ich will kämpfen - um meine Würde. Dazu gehört dieser offene Brief, mit dem ich mir ein Stück meiner persönlichen Würde zurück erkämpfe. Denn nun ist diese Würdelosigkeit, mit der Sie die Bevölkerung behandeln, laut in die Welt gesetzt. Sie können sich nun nicht mehr wegducken und die Missstände totschweigen. Sie können nun nicht mehr auf Wahlkampfveranstaltungen herumprahlen mit dem offenen Ohr, dass Sie für die Bürgerinnen und Bürger hätten. Denn jeder volle Zug, jeder Ausfall einer Verbindung, jede technische Störung wegen einer maroden Infrastruktur bringt zum Ausdruck, dass Sie nicht bereit sind, die Missstände zu beseitigen.

Und - dies ist ja ein offener Brief - vielleicht folgen ja zahlreiche Mitbürgerinnen und Mitbürger meine Beispiel. Vielleicht trägt dieser Brief dazu bei, dass das Schweigen um die Würdelosigkeit, mit der wir Nutzerinnen und Nutzer des ÖPNV behandelt werden, beendet wird. Vielleicht nehmen zahlreiche Menschen dieses Schreiben als Anregung, um gegen zerbröselnde Infrastruktur, unzuverlässige Transportunternehmen und hasenfüßige Verkehrsverbände die Stimme zu erheben.

Politik, die nicht den Bürgerinnen und Bürgern zugewandt ist, stattdessen nur noch um sich selbst kreist, macht aus Menschen Objekte stattlichen Handelns - würdelose Objekte eines Obrigkeitsstaates. Unsere Verfassung dagegen stellt den Menschen in den Mittelpunkt.

An dieser Messlatte versagen Sie drei mal die Woche, um 7:02 am Bahnsteig von Drensteinfurt.

Jürgen Blümer